Frau Glatz ist seit den 1980er Jahren Kundin der VR-Bank Mittelfranken West eG. Im exklusiven Interview berichtet Sie über die spannenden Stationen Ihres ereignisreichen Lebens.

Frau Glatz (101 Jahre)

Gibt es eine Urkunde und wird die Urkunde persönlich vorbeigebracht?

„Ja es gibt eine Urkunde mit einer Medaille. Diese habe ich persönlich von unserem Bürgermeister Herrn Deffner überreicht bekommen.“

Wie alt sind Sie eigentlich genau?

„Am 29. August 2020 bin ich exakt 101 Jahre alt geworden.“

Haben Sie ein Geheimrezept? Wie sind Sie so alt geworden?

„Es gibt kein Rezept. Das hatte ich noch nie. Einfach Leben. Hochs und Tiefs – Gutes und Schlechtes durchleben – das gehört einfach dazu und formt die Persönlichkeit und den Menschen. Wenn Sie sich ein Rezept zurecht legen dann müssen Sie auch danach leben. Plan hin oder Plan her – es kommt eh immer anders als man denkt.“

Würden Sie sagen es ist besser alt oder jung zu sein?

„Kann man überhaupt einen Vergleich aufstellen? Jede Altersstufe hat ihre Erfahrungen und Erlebnisse. Das kann man nicht sagen. Wenn man jung ist nimmt man alles anders auf – macht sich vielleicht manchmal zu viele Gedanken – das Schöne am Alter ist die Gelassenheit.“

Seit wann sind Sie Kundin bei uns?

„Bevor wir nach Oberdachstetten sind, waren wir bei der Landwirtschafts- und Gewerbebank – dann Raiffeisenbank Flachslanden – dann VR-Bank Mittelfranken West. Also seit 1980!“

In welchen Lebenslagen hat Ihnen Ihr Berater geholfen?

„In jeder Beziehung – in allen Bankbelangen aber auch privat. Die Beziehung zu meinen Beratern war immer freundschaftlich und man hat viele Dinge miteinander geteilt und auch mitgeteilt. Mir wurde oft ans Herz gelegt: ´Frau Glatz, Sie sollten ein bisschen mehr Geld ausgeben – sich etwas gönnen. Aber mir geht es gut und manchmal habe ich doch auf meinen Berater gehört und mir eine Kleinigkeit gegönnt.

Ich war immer ein eher sparsamer Mensch. Auch weil nicht immer Geld da war. Mein Mann und ich wollten uns damals ein Haus in Oberdachstetten kaufen, denn ein Haus bedeutete auch eine gewisse Sicherheit für uns und unsere Nachkommen. Dazu brauchten wir natürlich Geld und unser damaliger Berater Herr Weiß stand uns ganz toll zur Seite. Er gab uns einen Tipp, den ich bis heute nicht vergessen habe: ´Kaufen Sie drei Jahre kein Kleid und fünf Jahre keinen Anzug, dann schaffen Sie das locker! Sowas vergisst man nicht.“

Gab es Zeiten der Not?

„Viele. Die ganzen Kriegsjahre. Stellen Sie sich vor, 1918 war der erste Weltkrieg und 1919 wurde ich geboren. Zur Inflation 1923 bekam man riesige Stöße Geldscheine nur um ein einziges Brot kaufen zu können. Das schlimme war, dass das Geld einfach nichts mehr wert war und sparen konnte man nicht.

1924 war schon ganz schlimm – man hat auch schon als Kind viele Erinnerungen an diese Zeit. Immer musste man das Essen teilen. Das ist für ein Kind nicht toll.

Es gab eine große Arbeitslosigkeit und somit eine große Not in der Bevölkerung und auch bei uns daheim. Die Weimarer Republik und die Weltwirtschaftskrise brachte 6,5 Millionen Arbeitslose hervor die alle ohne Netz und Hilfe dastanden.“

Haben Ihre Eltern Sie in dieser Zeit versucht zu schützen oder haben Sie alles wahrgenommen? Wurde es Ihnen leicht gemacht?

„Man musste überall mit anpacken. 1930/31 haben meine Eltern gebaut und wir mussten immer mit anpacken – Mörtel rühren, das Dach decken. Da wurde niemand geschont, denn es wurde jede Hand gebraucht. Man hat sich nicht beschwert – so etwas gab es nicht.“

„Es folgte eine sehr dunkle Zeit als der „sogenannte Retter“ kam. Er hat den Menschen Arbeit und Brot versprochen aber das gab es nicht. Ich denke nicht gern daran zurück aber Sie darf niemals vergessen werden! So etwas darf sich nicht wiederholen!“

Wenn Sie alles Revue passieren lassen, würden Sie die heutige Zeit als ruhiger einschätzen?

„Wir leben nicht in einer ruhigeren Zeit. Die Menschen waren damals zwangsläufig bescheiden aber das war einfach so. Gearbeitet hat man viele Stunden aber die Arbeit war ruhiger. Nicht so hektisch wie heute. Die Essenz heutzutage ist dann der Stress. Die Zeiten sind sehr turbulent und schnelllebig. Alles zieht in einer großen Geschwindigkeit an die gerade jungen Menschen vorbei.“

Würden Sie sagen das die Jugend sich gut schlägt? Haben Sie es leichter als Sie früher?

„Das ist schwer zu sagen. Der Jugend wird es leichter gemacht, weil Ihnen alle Türen aufstehen. Das war bei uns nicht. Mein Vater hat ja und nein gesagt und dann war Schluss. Er bestimmte den Lebensweg. Dieser Weg ist heutzutage für fast alle geebnet. Ins Ausland fahren oder einen Urlaub machen, das gab es früher noch nicht. Ich hatte ein bescheidenes Leben.“

Ist die große Auswahl positiv oder überfordern für die jungen Menschen?

„In meiner Jugend musste man hart im Nehmen sein. Man musste belastbar sein. Beschweren gab es nicht. Das fehlt der heutigen Jugend etwas. Das sind Werte, die in unserer Gesellschaft mehr gefördert werden sollten. Sie müssen viel lernen, das ist klar. Der Lernprozess ist weitaus intensiver als es bei uns war.

Jede Generation hat ihre Erfahrungen zu sammeln und Erlebnisse zu bewältigen. Das gehört zum Leben dazu.

Dass die Jugend heute auf die Straße Demonstrieren geht finde ich wunderbar. Das ist ihre Zukunft. Nicht mehr unsere. Die Jugend macht sich Gedanken – um hier jedoch etwas zu erreichen sollten Sie vielleicht noch ein wenig anders geführt werden. Demonstrieren ist das eine, etwas erreichen das andere.“

Hatten Sie Ziele im Leben? Haben Sie diese erreicht?

„Uns wurde viel vorgegeben. Ich hatte viele Wünsche, das meiste konnte man aber nicht umsetzen. 1939 ging der Krieg an. Es gab nichts zu essen, nichts zum Anziehen und nichts zum Heizen. Das habe ich gebraucht zu dieser Zeit. Später natürlich Kinderwunsch und Hausbau.“

Wie war ihr Werdegang?

„1932 kam ich aus Schule – da gab keine Lehrstellen. Den Mädchen blieb nur der Gang als Magd zu den Bauern. Für uns war es schwieriger als für die Buben. Handwerker wurden zu dieser Zeit immer gesucht. Aber ich wollte etwas verdienen.

Es gab eine Zuzug Sperre. Diese Sperre verhinderte es als Landmädchen in die Stadt zu ziehen. Durch die vielen Arbeitslosen sollte die Landflucht eingedämmt werden. Ich hatte aber Glück. Wir hatten hier in Ansbach Verwandte und ich wurde als Haustochter angemeldet. Aber es gab keine Bezahlung. Lediglich 8 Mark Taschengeld im Monat. Ich war Mädchen für alles. Es war eine fürchterliche Zeit!! Und die Unterkunft war eine Katastrophe. Keine Heizung, nur ein Topf mit kaltem Wasser und kühler Estrich-Boden. Ich war zu dieser Zeit gerade mal 16 Jahre alt.

Nachdem ich erkrankte bin ich wieder zu meinen Eltern. Mein Vater hatte damals einen Omnibusbetrieb, dort half ich natürlich mit bis ich ein Pflichtjahr – ähnlich wie ein soziales Jahr heute – absolvieren musste. Ich war in einer Tankstelle – aber auch hier wurde man nur ausgenutzt bis zum geht nicht mehr. Aus meinem Pflichtjahr wurden 4 Jahre.

Dann musste sich bei mir etwas ändern!

Ich sollte zu Fliegerhorst nach Illesheim – mein Vater ließ mich dort aber nicht hin. Es war zu gefährlich. Doch durch die Verweigerung war ich verpflichtet etwas anderes zu machen. Ich war ja noch nicht Volljährig (erst mit 21 Jahren). Dann bin ich nach Uffenheim zur AOK gekommen.

Wie man sieht, konnte man leider nicht so schalten und walten wie man wollte. Das ist leider der Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie.

Die Menschen heutzutage müssen die gewonnene Demokratie unbedingt schätzen und pflegen. Das ist das Wichtigste! Ich versuche es allen immer zu erzählen wie wichtig das ist. Gerade den Jüngeren. Meine Freundinnen kann ich leider alle nur noch am Friedhof besuchen, daher ist es mir umso wichtiger das Erlebte den jungen Leuten als Zeitzeugin weiterzugeben!

Man denkt schon öfter an die vergangen Tage – was hätte sein können – aber das nutzt nichts. Man muss das Jetzt genießen!“

Wenn Sie ihr jüngeres Ich treffen würden, was würden Sie ihm raten?

„Wenn ich überlege wie viele Fehler ich im Leben gemacht habe, mein Gott!! Dieses Eingeständnis muss man sich machen – man muss diese Fehler akzeptieren. Auch mit Schuldgefühlen muss man Leben aber diese vergehen und jeder muss das durchleben. Das bleibt den wenigsten erspart – das stärkt das Ich. Aber ich war immer zufrieden und bin es heute noch.“

Was ist Glück für Sie?

„Zufriedenheit. Gesundheit. Nicht mehr, nicht weniger!“

„Herzlichen Dank, Frau Glatz!“

Redaktion: Mandy Maurer (Stand: 03/2021)

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